Qualitäts-Werkstatt Region Zürich: Häusliche Gewalt während der Corona-Pandemie: Erkennen – Verstehen – Unterstützen

Qualitäts-Werkstatt Region Zürich: Häusliche Gewalt während der Corona-Pandemie: Erkennen – Verstehen – Unterstützen Die Qualitäts-Werkstatt in Zürich vom 28. Juni 2021 widmete sich der Frage inwieweit und wie Häusliche Gewalt im Zuge der Corona-Pandemie zugenommen oder sich verändert hat und wie damit fachlich umgegangen werden kann.

«Häusliche Gewalt während der Corona-Pandemie: Erkennen – Verstehen – Unterstützen». Unter diesem Titel wurde am 28. Juni 2021 die erste Online-Qualitäts-Werkstatt für die Region Zürich durchgeführt. Zu dieser kostenlosen Fachveranstaltung waren Fachpersonen unterschiedlicher Professionen und Disziplinen eingeladen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten (z.B. im Heim, Schule, Kita, Spital) oder die im zivilrechtlichen, strafrechtlichen und freiwilligen Kindesschutz mit Abklärungs-, Unterstützungs- und Entscheidungsaufgaben befasst sind.

Im Zentrum der Fachveranstaltung standen die Fragen, inwieweit die Corona-Pandemie zu einer Verschärfung familiärer Belastungen und häuslicher Gewalt beigetragen hat und wie damit umgegangen werden kann. Sie verfolgte das Ziel, Fachpersonen dabei zu unterstützen, ihre Verständnisse häuslicher Gewalt und Umgangsweisen damit zu reflektieren. Nicht zuletzt diente die Qualitäts-Werkstatt dazu, für die Komplexität häuslicher Gewalt zu sensibilisieren, Wege zu differenzierten Wahrnehmungen zu erschliessen und Möglichkeiten der Hilfe aufzuzeigen.

Nach drei anregenden Kurzinputs, gehalten von Regula Kupper, Leiterin kjz Winterthur des Amts für Jugend und Berufsberatung Kanton Zürich, Marc Mildner, Geschäftsführer Fachberatung Häusliche Gewalt in Uster und Lucas Maissen, Institutionsleiter Schlupfhuus Zürich, leiteten die Moderatorinnen, Clarissa Schär (Co-Präsidentin der Interessengemeinschaft für Qualität im Kindesschutz), Karin Banholzer und Ursula Leuthold (Vorstandsmitglieder der Interessengemeinschaft für Qualität im Kindesschutz) drei Diskussionsgruppen, in denen sich die anwesenden Fachleute interessiert und vielfältig über unterschiedliche Facetten des Themas austauschten.

Dass häusliche Gewalt während der Corona-Pandemie zugenommen haben soll, wurde zunächst im Kontext medialer Aufmerksamkeit diskutiert. Die Medien haben einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, die Thematik in den Vordergrund zu rücken. Die statistische Basis ist derzeit jedoch noch recht dünn. So weist z.B. die polizeiliche Kriminalstatistik – eine Hellfeldstudie – für das Jahr 2020 keine Zunahme häuslicher Gewalt aus, während erste Studien im Dunkelfeld eine leichte Zunahme erahnen lassen. In der Praxis differieren die Wahrnehmungen. Insgesamt wurden Familien ob der Pandemie bedingten Veränderungen zunehmend gestresst und überfordert erlebt, was aber nicht zwangsläufig mit häuslicher Gewalt einhergehen muss. So war z.B. die Schulsozialarbeit recht früh mit Anfragen von belasteten Eltern konfrontiert und später dann auch von Kindern und Jugendlichen. Hier scheinen sich – so wurde berichtet – die Kontrollen und Eingrenzungen der Kinder durch die Eltern erhöht zu haben. Demgegenüber blieb die grosse Nachfrage nach Unterstützung in Fachdiensten mit spezialisierten Angeboten (wie z.B. Schlupfhuus, Opferberatung oder kjz) im Kontext des ersten Lockdowns aus und nahm erst nach der Öffnung etwas zu. Wobei es sich hierbei nicht primär um Fälle häuslicher Gewalt handelte, sondern auch um psychische Belastungen Jugendlicher aber auch Eltern, die von Zukunftsängsten (z.B. Eintritt in die Arbeitswelt) bis hin zu Depressionen und selbstverletzendem Verhalten reichten. Eine These, die diesbezüglich unter den Teilnehmenden viel Zustimmung erfahren hat, ist, dass häusliche Gewalt im Dunkelfeld zugenommen hat und die Folgen davon noch auf die Unterstützungsinstitutionen zukommen werden. Hierbei sei eine Unterscheidung unterschiedlicher Muster häuslicher Gewalt erforderlich. Dasjenige Gewaltmuster, das sich durch Dominanz- und Kontrollverhalten auszeichnet, wird Pandemie bedingt kaum zugenommen haben, da es nicht durch Mehrbelastung ausgelöst wird. Das Muster gegenseitiger, situationsbedingter Gewaltausübung kann jedoch unter zunehmender Belastung zu mehr Eskalationen führen. Hier können sich neue problematische Verhaltens- und Beziehungsmuster bilden, die langfristig nachwirken. Wünschenswert wäre es, wenn die mediale Aufmerksamkeit für das Thema häusliche Gewalt genutzt werden könnte, um das Thema des gewaltfreien Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen aktuell zu halten, da diesbezüglich in der Schweiz noch viel unternommen werden muss. Die Pandemie habe eher dazu geführt, über das Zusammenleben in Familien zu sprechen und das Bild der Familie als Ort der Harmonie zu hinterfragen.

Vor diesem Hintergrund wurden grundsätzliche fachliche Herausforderungen im Kontext häuslicher Gewalt diskutiert. Es wurde aufgegriffen, dass…

  • Kinder in Beratungssettings häuslicher Gewalt, die sich meist an Erwachsene richten, sowie strafrechtliche Verfahren unterzugehen drohen und in ihrer Mitbetroffenheit und ihrem Leiden nicht erkannt und unterstützt werden.
  • Betroffene, die sich an Fachpersonen wenden, teilweise nicht ernstgenommen fühlen.
  • Männer und Frauen, die Gewalt ausüben, sowohl von Betroffenen als auch von Fachpersonen nicht gleich beurteilt werden. Gewalt von Frauen gegen Männer komme z.B. seltener zur Anzeige. Hier wären Reflexionen der patriarchalen Gesellschaftsstrukturen erforderlich.
  • gerade Betroffenen nicht immer klar ist, welche Verhaltens- und Beziehungsmuster als gewalttätig erlebt werden können. So ist die Tendenz wahrnehmbar, eher körperliche Gewalt als Form häuslicher Gewalt zu verstehen, jedoch weniger verbale oder psychische Gewalt.
  • wenn ein Verdacht auf häusliche Gewalt vorhanden sei, es schwierig zu bemessen sei, wann sich wer wie in die Familie ‹einmische› und wie schnell reagiert werden müsse. Vor einer übereilten Reaktion sollte versucht werden, Informationen zu gewinnen.
  • wenn Paargewalt und Gewalt gegen Kinder vorgefallen sei, sehr schnell die Erziehungsfähigkeit des gewaltausübenden Elternteils bzw. der gewaltausübenden Eltern in Frage gestellt sei.
  • es neben dem Schutz des Kindes nach der (mit)erlebten Gewalt und den missbräuchlichen Erfahrungen zentral ist, das Kind zu begleiten. Diesbezüglich sind traumaspezifische und traumapädagogische Angebote von grosser Bedeutung.
  • die Frage, ob Kinder Kontakt zum gewaltausübenden Elternteil – in den geschilderten Fällen die Väter – haben sollen (Besuchsrecht), unterschiedlicher Reflexionsebenen bedarf. Diese Frage wurde sehr kontrovers diskutiert. So wurde die Position vertreten, dass es anstrebenswert sei, dass der Kontakt zum Vater erhalten bleibe. Zu häufig komme es zu langfristigen Beziehungsabbrüchen. Dennoch gibt es Situationen, in denen das Kind den Vater nicht sehen möchte und dies explizit äussert. Hier besteht die Schwierigkeit, dass der Wille des Kindes von der Mutter oder den Erlebnissen beeinflusst sein kann. Zu oft werde darauf verzichtet, den Eltern den Willen des Kindes zu eröffnen oder die Eltern wollen den Willen des Kindes nicht hören und missachten den Wunsch des Kindes nach räumlicher und emotionaler Distanz. Es wurde deutlich gemacht, dass auch ein beeinflusster Kinderwille ein Kinderwille sei und nicht mit dem Argument der Beeinflussung missachtet werden sollte. Es gelte in solchen Fällen mit dem Kind daran zu arbeiten, einen eigenen Willen zu entwickeln – also herauszufinden, wie es dem Kind geht und was es braucht – sowie auch Beziehungsarbeit zu leisten.

Zentrale fachliche Ansatzpunkte werden darin gesehen, dass…

  • zentrale Institutionen, die mit Fällen häuslicher Gewalt zu tun haben (z.B. Polizei, Schulen, Frauen-/Männerhäuser, Mädchenhäuser, KESB, Sozialdienste, Gerichte) miteinander vernetzt sind. Vielfach ist die Schule bzw. die Schulsozialarbeit die erste Anlaufstelle für Betroffene und muss diese an spezialisierte (u.a. auch anonymere) Fachstellen vermitteln. Eine gute Vernetzung bildet die Grundlage, um gemeinsam Einschätzungen vornehmen zu können, wo und wie Gewalt in der Familie entsteht sowie wo wer in der Vernetzung auf die Gewalt reagiert. Und es stellt auch die Grundlage dafür dar, gemeinsam Angebote konzipieren zu können. Von zentraler Bedeutung ist es, dass jede*r ihre*seine Rolle kennt und Rollenkollisionen vermieden werden können.
  • kompetente Fachpersonen in den in häusliche Gewalt involvierten Organisationen arbeiten, die ausgebildet darin sind, wie mit Kindern über Vorfälle häuslicher Gewalt gesprochen werden kann.
  • dort wo es möglich ist, mit der Familie systemisch gearbeitet wird. Alle Familienmitglieder sind in die häusliche Gewalt involviert und es gehe zu viel verloren, wenn nur ein Teil der Familie eine Auseinandersetzung mache.
  • im Bereich der Früherkennung und der frühen Unterstützungen angesetzt werde. Wünschenswert wäre es, dass Familien früh und ohne Verdächtigung niedrigschwellig Unterstützung zur Verfügung stünde.

Clarissa Schär