1. Nationaler Qualitätsdialog 2018: Kindesschutz im Dialog zwischen Anspruch und Wirklichkeit

1. Nationaler Qualitätsdialog 2018: Kindesschutz im Dialog zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Der Qualitäts-Dialog im Kindesschutz zeigt auf, welcher Weiterentwicklungen und Reformen es im Kindesschutz in der Schweiz bedarf.

Erster nationaler Qualitäts-Dialog im Kindesschutz zeigt auf, welcher
Weiterentwicklungen und Reformen es im Kindesschutz in der Schweiz bedarf.

Am 8. und 9. November 2018 fand auf dem Gurten in Bern der erste nationale Qualitäts-Dialog der Interessengemeinschaft für Qualität im Kindesschutz (IGQK) statt. Der Qualitäts-Dialog zielte darauf ab, aus verschiedenen Perspektiven über den Kindesschutz im freiwilligen, öffentlich-rechtlichen, zivil- und strafrechtlichen Bereich nachzudenken und vielfältige Einschätzungen über die Qualität des Kinderschutzes in der Schweiz einzuholen und zu bündeln. Hierfür wurde ein im Kindesschutz in der Schweiz erstmalig durchgeführtes Veranstaltungsformat genutzt. Im Unterschied zu klassischen Konferenzen und Tagungen war der Qualitäts-Dialog an der Barcamp-Methodik orientiert und wurde als Unkonferenz durchgeführt. Den 140 Teilnehmenden des Qualitäts-Dialogs wurde die Möglichkeit gegeben, Themen einzubringen, die sie für die Weiterentwicklung von Qualität im Kindesschutz als wichtig erachten. Sie konnten Fragen einbringen, Antworten entwickeln, Lösungen diskutieren und sich gemeinsam für mehr Qualität im Kindesschutz stark machen.

Die Veranstaltung wurde durch drei Qualitäts-Impulse gerahmt: Qualitäts-Impuls I am 8. November 2018 von Nicole Hinder (UNICEF Schweiz, Kinderrechte Public Affairs); Qualitäts-Impuls II von Michelle Cottier (Universität Genf, Rechtsprofessorin) und Qualitäts-Impuls III von David Rüetschi (Leiter Fachbereich Zivilrecht und Zivilprozessrecht, Bundesamt für Justiz) am 9. November 2018. Die Qualitäts-Impulse verdeutlichten u.a., dass in der Schweiz alle Kinder unabhängig von ihrem Wohnort und ihres Aufenthaltsstatus ein Recht auf Schutz, Förderung und Beteiligung haben und für die Professionalisierung des Kindesschutzes zwar bereits viel erreicht worden ist, es aber nach wie vor Baustellen im Kindesschutz gibt, die einer besonderen politischen Aufmerksamkeit bedürfen. So wurde u.a. hervorgehoben, dass die Einführung eines Rechts auf gewaltfreie Erziehung für einen besseren Schutz von Kindern weiterführend wäre, es hierfür aber nicht die erforderlichen politischen Mehrheiten gebe. Auch die Schaffung eines nationalen Kindesschutz- bzw. Kinder- und Jugendhilfegesetzes und einer nationalen Kindesschutzprozessordnung wäre angesichts unterschiedlicher Versorgungslandschaften und Qualitätsniveaus in den Kantonen ein Projekt, welches Kindern und ihren Eltern zugutekommen würde. Hierfür würden aber die gesetzlichen und politischen Grundlagen fehlen.

In ähnlicher Weise wurde auch im Kontext eines am Abend des 8. November 2018 zum Programm gehörigen Qualitäts-Clubs argumentiert, eine Art Podiumsdiskussion, die zum Mitdenken und Mitmachen einlud und von Patrick Rohr abwechslungsreich und anregend moderiert wurde. Im Club wurden viele anregende Gedanken und Ideen zwischen den auf dem Podium beteiligten Vertreter_innen (Diana Wider, Generalsekretärin Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz KOKES; Ulrich Lips, Facharzt Kinder- und Jugendmedizin, Kinderschutzexperte, Vertreter Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie; Katja
Cavalleri Hug, Leiterin Kinderanwältinnen Kinderanwaltschaft Schweiz; Beatriz Gil Jayyousi, Jugendanwältin Kanton Aargau und Vorstandsmitglied Schweizerische Vereinigung für Jugendstrafrechtspflege; Hervé Boéchat, Integras – Fachverband Sozial- und Sonderpädagogik; Nicole Hinder, UNICEF Schweiz, Kinderrechte Public Affairs; Patrick Fassbind, Interessengemeinschaft für Qualität im Kindesschutz) und den Teilnehmenden des Qualitäts-Dialogs ausgetauscht. Es wurde deutlich, dass der Kindesschutz menschlicher werden und angesichts der Behördenneuorganisation im Jahr 2013 weiter ausbuchstabiert und konzipiert werden muss. Es sollte für alle Bürger_innen nachvollziehbar sein, was Kindesschutz ist, wofür er da ist und welche Aufgaben und Funktionen die im Kindesschutz angesiedelten Organisationen und Behörden haben. Vor allem aber sollte Kindesschutz nicht als alleinige Aufgabe der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden angesehen werden. Kindesschutz geht alle an. Es sollte im Kindesschutz darum mehr Zivilcourage an den Tag gelegt werden, die Lobby für Kinder weiter gestärkt und bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden. Es könne nicht sein, dass die Qualität des Kindesschutzes in jedem Kanton unterschiedlich ist und es dem Zufall überlassen ist, ob und auf welche Weise Kinder und Jugendliche, die in ihrem Wohl gefährdet sind, Hilfe erfahren.

Herzstück des nationalen Qualitäts-Dialogs waren die Qualitäts-Sessions am Vor- und Nachmittag des 9. November 2018. Sie boten Raum für Austausch und Diskussion und ermöglichten den Teilnehmenden, sich selbst als Expert_innen einbringen und positionieren zu können. In den Sessions wurde über den Umgang mit Kindern mit Migrationshintergrund, Standards bei Fremdplatzierungen, das Zusammenspiel von Angeboten Früher Förderung und dem behördlichen Kindesschutz, die Qualität von Abklärungen, die Rollenklärungen und Kindesschutzkompetenzen innerhalb von Schulen und in der Zusammenarbeit mit Behörden und externen Stellen, die Kooperation mit Familien und die Früherkennung von Gefährdungen, die Einbeziehung von Polizei und Staatsanwaltschaft, den Austausch von Praxis und Wissenschaft, die Sicherung und Weiterentwicklung von Qualität und vielversprechende Wege und Stolpersteine interdisziplinärer Kooperation im Kindesschutz nachgedacht. Die Erkenntnisse der Sessions
und Ideen für konkrete Schritte zur Qualitätssteigerung wurden mit Hilfe einer Software live digital protokolliert und gemeinsam mit den Teilnehmenden ausgewertet. Unverkennbar wurde dabei, wie vielfältig und anspruchsvoll Kindesschutz ist und welchen langen Atem es erfordern wird, seine Qualität voranzutreiben.

Die Interessengemeinschaft für Qualität im Kindesschutz bietet ein Dach um vielfältige Aktivitäten zur Steigerung der Qualität im Kindesschutz zu bündeln.