Das Deutschschweizer Kindesschutzsystem in der Coronakrise

Das Deutschschweizer Kindesschutzsystem in der Coronakrise. Eine kurze Bestandsaufnahme der veränderten Situation im Kindesschutzsystem der Deutschschweiz.

Durch die Beschlüsse des Bundesrats in Reaktion auf die Coronavirus-Pandemie hat sich das gesellschaftliche Leben in der Schweiz von heute auf morgen grundlegend verändert.

Die verschiedenen Kinderschutzsysteme in der Deutschschweiz waren mit ihren bestehenden Kinder- und Jugendhilfeangeboten auf die völlig neuartige Situation nicht hinreichend eingestellt. Sie sahen sich mit bislang nie dagewesenen Fragen und Unsicherheiten konfrontiert und reagierten auf sehr unterschiedliche Weise. Eine Koordination der in den Kantonen getroffenen Massnahmen zur Entlastung und Unterstützung der Familien unter Beachtung der Bundesratsbeschlüsse fand nicht statt. Undurchsichtigkeiten und Widersprüchlichkeiten waren die Folge, auch weil es vielerorts an Informationen, Handlungsempfehlungen und Richtlinien mangelte. In der Öffentlichkeit, aber auch bei den Fachpersonen gab es verständlicherweise zunächst drängendere Themen zu bearbeiten. Rückmeldungen von Mitgliedern der Interessensgemeinschaft für Qualität im Kindesschutz (IGQK) zeigten aber, dass unter den Fachpersonen, Behörden, Diensten und Einrichtungen der Wunsch bestand, die vorhandenen Informationen über die in den Kantonen getroffenen Massnahmen zu bündeln.

Gründung einer Gruppe mittels Social Media

Angesichts dieser Tatsachen entschied sich die IGQK dazu, die Gruppe «Kinder- und Jugendhilfe/Kindesschutz CH & die Coronakrise: Herausforderungen – Probleme – Lösungen» auf Linked.in ins Leben zu rufen. Die Reaktion auf diese Initiative war ermutigend. Mittlerweile 160 Fachpersonen, sowohl Mitglieder der IGQK als auch aus unterschiedlichen Bereichen des Kindesschutz haben sich in kurzer Zeit der Gruppe angeschlossen, untereinander Informationen ausgetauscht und gegenseitig Hilfestellungen gegeben. Zudem wurde am Montag, den 23. März 2020 ein Onlinemeeting abgehalten, um sich in der Gruppe gegenseitig über den Stand in den verschiedenen Arbeitsfeldern und Leistungsbereichen des Kindesschutzes zu informieren und auszutauschen.

Was ist nun eigentlich die Situation? Resultate

Im Rahmen des Onlinemeetings wurden folgende Probleme und Herausforderungen deutlich

  • Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden müssen derzeit, neben der Umstellung auf Homeoffice, mit nachstehenden, sich stetig verändernden Situationen umgehen:
    1. Persönliche Anhörungen können nicht mehr oder nur vereinzelt durchgeführt werden. Rechtliches Gehör kann zumeist nur schriftlich oder elektronisch gewährt werden – wenn überhaupt. Damit werden vorsorgliche und superprovisorische Massnahmen zunächst wohl zunehmen – wie es z.B. die KAPO Zürich öffentlich kommuniziert hat.
    2. Platzierungen von Kindern werden in normalen Zeiten nach Möglichkeit freiwillig bzw. vereinbart durchgeführt. Da nun einige Institutionen die freiwillig platzierten Kinder nach Hause geschickt haben (unter anderem auf Weisung der Kantone), stehen viele Behörden nun vor der Frage, ob diese Rückführungen aus Kindesschutzperspektive vertretbar sind. Falls nicht, könnte das zur Folge haben, dass ein bedeutender Anteil vereinbarter Massnahmen bald in zivilrechtliche Massnahmen überführt wird.
    3. Im Abklärungsprozess werden Hausbesuche zwar immer noch durchgeführt, allerdings tauchen hier wohl gerade bei Mitarbeitenden, die zur Risikogruppe gehören, auch Fragezeichen auf, ob diese ohne Ansteckungsgefahr durchführbar sind. Hier ist noch ungeklärt, ob die Behörden und Fachdienste Anspruch auf Hygienematerial haben.
  • Dieser dritte Punkt sorgt auch bei den sozialpädagogischen Familienbegleitungen für Unsicherheit. Auch wenn hier teilweise auf digitale Formen der Kommunikation umgestellt werden konnte, verfahren die Fachpersonen gegenwärtig höchst unterschiedlich, die einen stellen Hausbesuche gegenwärtig ganz ein, andere führen sie trotz fehlendem Schutzmaterial nach wie vor durch. Unklar ist auch hier, ob dieses Tätigkeitsfeld gegenwärtig überhaupt einen Anspruch auf Hygienematerial hat.
  • Die Heimerziehung hat gegenwärtig mit einem sich zuspitzenden Personalmangel bei gleichzeitig erhöhtem Betreuungsbedarf zu tun. Personal, das selbst zur Risikogruppe gehört, nahe Angehörige in den Risikogruppen hat oder für die eigenen Kinder keine Betreuungslösungen findet, fällt aus. Zusätzlich werden mehr Arbeitseinsätze benötigt, fallen doch die schulischen Tagesstrukturen der Kinder und Jugendlichen weg und müssen auf den Wohngruppen aufgefangen werden. Auf den absehbaren Personalmangel in Heimeinrichtungen wird nun mit der Lockerung von Qualifikationen reagiert (so geschehen im Kanton Zürich). Auch wurde eine kostenlose Stellenbörsen eingerichtet; sozialinfo.ch geht hier vorbildlich voran. Generell muss damit gerechnet werden, dass in näherer Zukunft wenig qualifiziertes, unerfahrenes und mit den Organisationsabläufen nicht vertrautes Personal mit sehr herausfordernden und komplexen Situationen umzugehen hat.. Bei allem Respekt für den Einsatz der nun in den Bereich hineinströmenden Menschen: Mindestens stellenweise sind hier Überforderungen vorprogrammiert, und damit auch ein steigendes Risiko für Fehleinschätzungen und weitere Kindeswohlgefährdungen. Daneben ist noch unklar, wer die steigenden Personalkosten im Feld der Heimerziehung überhaupt trägt. Zudem herrschen grosse Unsicherheiten, was genau passiert, wenn tatsächlich erste Wohngruppen selbst vom Virus befallen werden. CURAVIVA Schweiz hat diesbezüglich jedoch bereits  Abklärungen getroffen und die für diese Situation existierenden Richtlinien und Vorgehensweisen publik gemacht. Auch andere Fragen schaffen Unsicherheiten im Arbeitsfeld der Heimerziehung: Welche Kinder können jetzt zu Hause bleiben? Wie soll mit Eltern umgegangen werden, die ihre Kinder nicht mehr ins Heim schicken wollen? Wie kann der Weg ins Heim infektionssicherer gestaltet werden? etc.
  • Im Geburtsbereich wird zur Senkung des Infektionsrisikos auf ambulante Geburten und ambulantes Wochenbett ausgewichen. Entsprechend werden auch Nachbetreuungen kürzer, weniger intensiv und nicht im häuslichen Bereich durchgeführt. Hier können die Mütter- und Väterberatungen der Kantone mit digitalen und telefonischen Angeboten gegensteuern. Dennoch: Das Risiko überforderter Eltern steigt.
  • Für die Familien bedeutet diese Krise eine grosse Zusatzbelastung. Gewohnte Tagesstrukturen und Familienrituale gibt es nicht mehr. Eltern sind dazu aufgefordert, ihre Kinder zu Hause zu betreuen und zu beschulen. Viele arbeiten im HomeOffice oder fürchten um ihre wirtschaftliche Existenz. Nicht wenige müssen zudem nun unter beengten Wohnverhältnissen ihren Alltag neu organisieren. Damit verbunden sind neue Belastungen und Herausforderungen, welche in Familien zu einem Anstieg von Kindeswohlgefährdungen und häuslicher Gewalt führen können. Der Bund hat hier bereits mit der Einrichtung einer Taskforce unter Federführung des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann EBG reagiert, perspektivisch dürfte aber auch hier mit einer Zunahme an Kindesschutzverfahren, zivilrechtlichen Massnahmen und Platzierungen zu rechnen sein.

Wie weiter?

Mittlerweile haben die Fachverbände Integras und CURAVIVA Schweiz weitere Abklärungen getroffen und Informationen gesammelt, sodass der ursprüngliche Zweck der Linked.in-Gruppe – die provisorische und schnelle Organisation des Austauschs von Informationen im Deutschschweizer Kindesschutzsystem – im Grossen und Ganzen erfüllt zu sein scheint. Dennoch: die Gruppe leistet weiterhin einen hilfreichen Beitrag: Erfahrungen können ausgetauscht werden, es wird sich gegenseitig Rückhalt gegeben und unvorhergesehene Entwicklungen können mit ihrer Hilfe besser abgefedert werden.

 

Paul Maetschke